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Saphir
ein Narrenstück
von Daniel Haw
„Auf welche Weise
wollte man eine solche Welt ernst nehmen?
barg die Entscheidung, die Welt als solche ernst zu nehmen
nicht eine immense persönliche Gefahr?“
(Saphir)
5. Kapitel
„Oh, Gott, wie peinlich!“ stöhnte die Königin und warf die Zeitung zu Boden; die Zofe hob sie augenblicklich auf und rollte sie zusammen. „Majestät, ich würde es mir an eurer Stelle nicht so zu Herzen nehmen! Niemand bringt euch mit dieser Geschichte oder auch nur dem König in Verbindung!“ „Ach, Marie“, entgegnete die Königin verdrossen, „es geht mir doch nicht um meine gekränkte Eitelkeit!“ „Nicht?“ gab die Zofe keck, aber mit einem Augenzwinkern zurück, sodass die Königin sich nicht zu empören vermochte, ohne als Spaßverderberin zu wirken. „Marie“, erwiderte sie stattdessen, „stehen die Revolutionstruppen schon vor den Toren des Schlosses, dass du so dreist mit deiner Herrin umgehst?“ Auch sie zwinkerte der Zofe zu, wobei offen blieb, wie viel Ernst diese kleine Parade enthielt. „Majestät…“ säuselte Marie verunsichert. „Schon gut, meine Liebe… Nein es geht hierbei wirklich nicht um mich oder höchstens nur in sofern, als die Königin sich um das Schicksal ihres Landes sorgt!“ „…nicht des Volkes?“ Ein wohldosierter Schlag des Fächers wies die Zofe wieder in ihre Schranken. „Du freches Ding! Was ist heut’ nur los mit dir? Anscheinend hat dich diese ganze törichte Revolutionsfaselei der Presse völlig verwirrt! Land – Volk – ich kenne schon den Unterschied!“ „Es war nur ein Spaß, Majestät!“ versuchte Marie die Wogen zu glätten. „Ich kenne Zofenspäße!“ Die Königin nahm das hübsche Mädchen scharf ins Auge, sodass Marie beschämt und beunruhigt zu Boden blickte. Doch gerade, als sie sich eine glaubwürdige Schmeichelei für ihre Herrin zurechtgelegt hatte, hörte sie diese unvermittelt in perlendem Sopran lachen; zwar nicht so silberhell wie es ihrer besten Laune entsprach, aber beruhigend genug, um sich über ihre Gutmütigkeit gewiss zu sein. Marie atmete auf. „Weißt du, Marie“, begann die Königin erneut, „das Volk bleibt nicht dasselbe, aber das Land schon. Und ich ziehe es vor, meine Liebe einem verlässlichen Partner zu schenken!“ „Ich verstehe.“ „Ja? – Dann wirst du auch verstehen, dass mich die Eskapaden des Königs erschrecken und beunruhigen!“ „Majestät, mit Verlaub, die hat er sich aber doch schon öfter geleistet.“ „Nein, Marie, diesmal ist es etwas anderes, Diesmal ist er zu weit gegangen!“ „Tatsächlich?“ „Tatsächlich!“ Sie entriss der Zofe die Zeitung, entrollte sie zornig und hieb mit der flachen Hand auf die Titelseite, deren obere Hälfte von einer riesigen Überschrift eingenommen wurde. Den Rest beanspruchte ein großes Foto, das Friedrich III. mit dem vergreisten Diener und der Gräfin von Auersbein zeigte, letztere in jämmerlicher Pose. „Ich bitte dich: ‚RÜCKSCHRITT IM SCHWEINSGALOPP - wie Friedrich III. seine politische Gegenreformation durchsetzt!’ - Und dann dieses Foto! - ‚Der Regent bei der fragwürdigen Wiedereinführung des rigiden Hofzeremoniells vergangener Zeiten! Selbst altersschwache Diener und Hofdamen müssen dem Herrscher schmerzhafte und demütigende Ehrerbietungen entrichten! Und so weiter und so weiter! Etwas Dümmeres hätte er in dieser politischen Lage nicht aushecken können! Es ist die reinste Neuguineaaffäre“ „Vielleicht ist das Foto ja auch am Holodesk entstanden, Majestät!“ „Eine virtuelle Fälschung? Nein Marie, welche Zeitung wäre so dreist, eine derartige Szene zu erfinden? Die Folgen für sie wäre fatal!“ Sie seufzte und spielte zerstreut mit der Puderquaste auf ihrem Schminktisch. „Es wirkt fast so, als hätte ein Dritter die Situation inszeniert, um das Königshaus vor der Öffentlichkeit in Misskredit zu bringen! – Die Zeichen stehen auf Sturm. Ich nehme das Gerede über eine Revolution ernster als ich zugeben mag!“ „Im Ernst, Majestät, die Revolution ist ein Witz!“ „Wenn man einen Witz oft genug wiederholt, schwindet der Spaß. Dann folgt der Ärger!“ Die Königin starrte auf das kompromittierende Pressefoto. „Ich wette, Orsin steckt hinter der Geschichte!“ murmelte sie, während Marie ihr mit sanfter Gewalt die Zeitung entwand. „Wie meinen, euer Majestät?“ „Nichts, nichts“, antwortete die Königin wie abwesend. „Majestät“, flüsterte die Zofe, ohne weiter auf die Bemerkung einzugehen, „die Kaprice eueres Gatten war aber nicht der eigentliche Grund, weshalb ich euch die Zeitung zeigen wollte; schaut doch nur!“ Sie drehte das Blatt herum und wies auf eine kleine Meldung am Ende der Rückseite: ‚Spaß vorüber - Hofnarr entlassen!’ Dem bescheidenen Titel folgte ein ebenso bescheidener Text. Die Königin riss Marie die Zeitung aus der Hand und las mit bebenden Lippen: „ ‚Moses Saphir, offizieller ‚Hofnarr’ Friedrich III., ist, wie heute bekannt wurde, bereits in der vergangenen Woche von seinen Diensten entbunden worden und hat, wie die Hofpressestelle verlauten ließ, das Reich mit unbestimmten Ziel verlassen. Der Reichsbund der Steuerzahler begrüßte den Entschluss der Reichsadministration, den angekündigten Sparmaßnahmen auch in der eigenen Verwaltung Taten folgen zu lassen. Bereits seit Jahren kritisiert der Bund das von Friedrich III. wieder eingeführte Amt eines staatlichen Spaßmachers. Trotz Änderung seiner offiziellen Bezeichnung von „Hofnarr’ in ‚SCP’ (Spaß-Coach des Regenten/Anm. d. Redaktion), lehnte der Reichsbund diesen Staatsposten stets als ‚Überbleibsel eines feudalen Regierungsstils’ und den Haushalt unnötig belastend ab.’ - Was hat das zu bedeuten? Saphir - entlassen? Was ist das für ein böser Unsinn? Und wann würde die Regierung dem Reichsbund der Steuerzahler je in irgendeiner Form entgegenkommen? Und hätte mir Saphir das nicht schon längst mitgeteilt, wenn er noch hier…“ Tränen erstickten die Stimme der schönen Königin. Sofort fiel die gutmütige Marie vor ihr auf die Knie, nahm ihre Hand in die ihren und sprach zu ihr wie zu einem leidenden Kind: „Aber Majestät, alles wird gut, er wird schon wieder…“ „Nichts ist gut!“ schrie die Königin unvermittelt, entriss der fürsorglichen Zofe ihre Hand und hieb erneut und so heftig auf den Tisch, dass eine dicke Puderwolke aufstieg. „Es stinkt zum Himmel!“ „Vielleicht, wenn Euer Majestät ein vertrauliches Wort mit eurem Gemahl wechseln würden…, er müsste doch wissen, was mit seinem Hofnarren…“ Der überdrüssige Blick der Königin ließ den Satz in Maries Mund sterben. „Du weißt selbst, dass Friedrich seinen Hofnarren meidet wie die Pest und ihm nur bei großen offiziellen Anlässen in seiner Nähe duldet!“ „Ich vergaß“, seufzte Marie. Natürlich war das Unsinn. Sie wusste genau um die eigentümliche Distanz zwischen dem König und seinem Narren. Aber ihr war nichts Hilfreicheres eingefallen; denn von wem vermochte ihre Herrin Informationen erhalten, wenn selbst die Presse das Verschwinden Saphirs auf irreleitende und unbeteiligte Weise kommentierte? Wie in Gedanken strich sie der Königin eine blonde Strähne aus der Stirn. Diese unbewusste Geste der Anhänglichkeit rührte das majestätische Herz, sodass die Herrin ihrer Zofe Hand ergriff und in schwesterlicher Zärtlichkeit streichelte. „Ach, Marie“, seufzte sie mit vor Wehmut bebender Stimme, „wenn du nicht bei mir wärst, ich…ich…“ Ein lautloses Schluchzen unterbrach ihre Rede; Marie kniete sich vor ihre Herrin, küsste tröstend ihre Hand und ließ die Königin gewähren, als diese Maries Kopf in ihrem Schoß bettete und ihr wie einem Kind über das Haar strich. Und als hätte die Zofe ihrer Herrin Gedanken erraten, flüsterte sie: „Er hat euch nicht verlassen, Majestät! Er liebt euch doch so sehr! Das würde keinen Sinn ergeben!“ In der Tat beruhigten diese schlichten Worte die Königin und vertrieben das schlimmste ihrer Sorgengespenster. „Du hast Recht, Marie. Es ergäbe keinen Sinn. Außerdem würde sonst etwas anderes in den Gazetten stehen.“ „Vielleicht hat Saphirs Verschwinden ja etwas mit dem Reichsrat zu tun, mit dem euer Gemahl neuerdings so geheimnisvoll zusammengluckt!“ „Reichsrat? Es gibt einen Reichsrat? Was ist ein Reichsrat?“ Und während Marie ihre Herrin über die Funktion dieses Amtes und seinen derzeitigen Träger aufklärte, gingen der die Augen über, da ihre Zofe nicht nur hervorragende Kenntnisse der staatspolitischen Formalien besaß, sondern auch über beängstigend detaillierte Einblicke in die Interna höchster Beamtenkreise. „Marie, du weißt mehr als ich! - Woher?“ fragte die Königin mit großen Augen. „Das Nachrichtennetz der Lakaien, und das beweist die Geschichte, euer Majestät, hat stets besser funktioniert als das der Herrschaft!“ „Da ist etwas dran!“ gab die verblüffte Königin zurück. Doch leider irrte die wissende Marie in diesem Fall, denn der arme Reichsrat von Rosenstein hatte absolut nichts mit dem Verschwinden des Hofnarren zu tun. „Versuche, über den Kammerdiener Rosensteins etwas in Erfahrung zu bringen!“ „Das wird nicht nötig sein, Majestät!“ Die Königin fuhr vor Schreck herum und stieß einen kleinen erstickten Schrei aus: „Sie? - Wie … kommen Sie herein?“ „Die Tür stand halb offen und ich hörte derart herzergreifende Töne der Verzweiflung, dass ich unangemeldet eintreten musste! Ihr verzeiht mir hoffentlich, Majestät?“ Und gerade, als diese den Mund öffnen wollte, kam man ihr zuvor: „Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl, Majestät?“ „Es ist alles in Ordnung.“ gab sie nur höflich zurück, ohne ihre Irritation überzeugend verbergen zu können. Wie dem Boden entwachsen stand Orsin vor der Königin und machte eine seiner galanten Verbeugungen, um die ihn viele der schwachsinnigen Höflinge beneideten. Die beiden Frauen waren in ihrer romantischen Pose erstarrt, sodass man sie für Meissner Porzellanpüppchen hätte halten mögen. „Eine s…seltene Ehre!“ entfuhr es der Königin willkürlich unwillkürlich, denn einerseits konnte sie nicht anders, als das plötzliche Auftauchen des Ministers zu kommentieren, um ihre Verblüffung zu kaschieren, andererseits war da etwas nicht sehr Originelles aus ihr herausgeplatzt, was wiederum ihre Überraschung dokumentierte, denn ihr war klar, das Orsin um ihre Intelligenz und Geistesgegenwart wusste und sich über ihre Plattitüde wundern musste. Orsin lächelte nur mit Raubtiercharme und bestätigte so die majestätische Sorge. Die Königin ärgerte sich, und da ihr niemand anders zur Verfügung stand, den Blitz gekränkter Eitelkeit abzuleiten, denn Orsin kam dafür nicht in Frage, traf es die arme Marie, die noch eben schwester-mütterlich mit ihr verbundene. „Es ist gut, Marie“, fuhr sie das Mädchen schärfer als beabsichtigt an, „du kannst gehen!“ und bereute ihren Ausrutscher augenblicklich, als sie es gesenkten Hauptes das Boudoir verlassen sah. Wieso traf ihr Zornesstrahl nicht Orsin selbst? Der grinste nur wie ein charmanter Tiger; er durchschaute seine Herrscherin, wie er ihren mitleidigen Blick, den sie Marie nachgeschickt hatte, durchschaute: Die Königin fürchtete ihn! Sie hätte ihn nie offen angegriffen. „Eigentlich bedauerlich“, sinnierte Orsin, „wenn Menschen außer sich geraten, erfährt man alles über sie!“ Und ähnlich mitleidig, wie die Königin ihrer Zofe nachgeschaut hatte, schaute er nun in die Augen der irritierten Herrin, der Ausdruckskraft seiner Mimik jedoch durchaus gewärtig, sodass er sie zu zügeln wusste; denn eines wollte Orsin auf keinen Fall: die Königin kränken, die ihn ohnehin ablehnte, woran es seiner Einschätzung nach keinen Zweifel gab. Nein, diese Frau musste gewonnen werden. Orsin legte die harmloseste Miene auf, die ihm zur Verfügung stand. „Majestät“, begann er seidenweich, wobei er den Kopf schief legte, „ich bin sicher, dass Sie bereits die traurige Botschaft erhalten haben…?“ „Ich verstehe nicht.“ Die Königin tupfte mit der Fingerspitze auf ihre multifunktionale Puderquaste und augenblicklich erschien über dem Schminktisch ein neongrünes Hologramm, das den Grundriss des Schlosses darstellte. Durch rasche, fahrige Handbewegungen, die an gelangweiltes Dirigieren erinnerten, ließ sie nacheinander sämtliche Stockwerke und Flügel des weitläufigen Baues in der parfümgeschwängerten Luft erscheinen, vergrößerte Korridore, und aktivierte verborgene Kameras, die mit prüfenden Schwenks etliche Kabinette durchmaßen. Orsin fragte sich, ob die Königin ihm auf diese Weise ihre Souveränität über die Situation und seine untergeordnete Stellung vorgaukeln wollte oder ob sie wirklich auf der intensiven Suche nach einer Person war. Wenn dies zutraf: wen suchte sie? Doch vielleicht sollte Orsin auch nur glauben, dass sie jemand bestimmtes suchte? Er spürte eine leise Verstimmung, die sich verdoppelte: zum einen konnte er es nicht leiden, für dumm verkauft zu werden, zum anderen fürchtete er, unvorsichtig zu werden, sobald seine Eitelkeit beleidigt wurde. Schließlich war er ein leidenschaftlicher Mensch, mochte er noch so versiert und kaltblütig agieren! – Und wie zur beispielhaften Untermauerung seiner Befürchtung hörte er sich sprechen: „Dort werden Sie ihn nicht finden, Majestät. Er befindet sich zurzeit nicht im Palast; soviel ist sicher.“ Er legte den Kopf noch ein wenig schiefer. „Was meinen Sie? Wovon reden Sie?“ Die Königin war schlagartig rot geworden; sie wusste nun, dass er wusste, dass sie wusste, dass er sie durchschaut hatte! Wie bitte? - Jawohl, Sie haben richtig gelesen, so war es…! „Majestät“, sagte Orsin nun gesenkter Stimme und reckte das Kinn empor, „auch wenn Sie es nicht für möglich halten, aber Sie können mir vertrauen! … Saphir hat nicht den Dienst quittiert, er ist von Unbekannten entführt worden…“ „Entführt?“ Die Königin war kurz davor, ihre Haltung zu verlieren. „Ich habe die Suche nach ihm schon eingeleitet - diskret versteht sich, nicht offiziell, denn offiziell existieren meine Helfer nicht.“ „Ich weiß über Ihre Geheimpolizei bescheid!“ Die Königin biss sich auf die Lippen. Seit der Minister ihr Boudoir betreten hatte, fuhr ihr Zug auf abwegigem Gleis und je weiter die Reise ging, desto weiter trennte sie sich von der sicheren Route. Ihre Eitelkeit stellte die Weichen, aber leider allesamt falsch. „Geheimpolizei?“ Orsin lachte dezent. „Majestät, auch wenn ich über eine Geheimpolizei verfügte, so wie die Presse es dem leichtgläubigen Volk einreden will, würde ich sie doch nicht in diesem Fall bemühen! - Meine Initiative ist rein privater Natur! Ich will … Ihnen helfen!“ Die Königin forschte in seinem Gesicht, aber kein süffisantes Lächeln, keine emporgezogene Augenbraue zeugte von Häme oder Verachtung. Wusste er von ihrem amourösen Geheimnis, ahnte er etwas und spielte einfach nur va banque oder verstand sie ihn völlig miss? „Mir - helfen?“ Jetzt hieß es, die Ahnungslose zu spielen, um Zeit zu gewinnen. „Madame“, entfuhr es Orsin in charmanter Unwilligkeit, „ich wäre meines Amtes nicht würdig und sollte meine Zeit besser mit den idiotischen Höflingen vergeuden, wenn ich nicht wüsste, was am Hofe geschieht! - Es ist mein Beruf, Majestät!“ „Ich wollte Sie keineswegs beleidigen, Herr Minister“, gab die Königin lächelnd zurück, „aber ich kann mir beileibe nicht vorstellen, dass Ihnen mehr über mein Leben bekannt ist, als mir selbst!“ Nun lief der alte Fuchs zur Höchstform auf, und der Königin blieb nichts anderes übrig, als ihm innerlich Applaus zu spenden. „Madame, ich fürchte fast, Sie schätzen mich falsch ein, aber das ist auch Ihr gutes Recht. Es ist nicht an mir, und eine derartige Geschmacklosigkeit könnte ich mir auch nie verzeihen, Ihr Privatleben zu interpretieren oder es gar zu bewerten. Sie sind die Königin und damit über jeglichen Zweifel erhaben. Ihnen gehört meine ganze Loyalität. Und in meiner Funktion als Hüter des Reiches vor inneren und äußeren Feinden sage ich, und nur in dieser Funktion darf und will ich es sagen, dass mir Ihre herzliche Nähe zu Saphir, den ich überaus schätze, wohl bekannt ist.“ Die Königin lehnte sich entspannt zurück und atmete erleichtert auf. Sogar ein Lächeln huschte über ihre Mundwinkel. Endlich hatte er die Karten auf den Tisch gelegt und zudem sehr galant. „Selbstverständlich beunruhigt sie Saphirs Verschwinden und ich muss gestehen, mich besorgt es!“ Orsin legte die Stirn in Falten und blickte mit großen Augen in eine imaginäre, allem Anschein nach, nicht freundliche Ferne. „Warum das?“ die Königin schaute ihn erstaunt an. „Ich will nicht unhöflich sein, aber mir war nicht bekannt, dass Sie zu Saphirs Freunden gehören!“ „Nun, Freund mag wohl etwas übertrieben klingen…“ „Ja, das glaube ich auch!“ Die schöne Frau lächelte überlegen. Unerwartet lachte der Minister auf: „Ha, so kenne ich meine Königin: klug, witzig und stets am Kern der Sache interessiert!“ „Was dachten Sie?“ „Ich soll meine Karten auf den Tisch legen!“ „Oder gehen!“ Diesmal biss sich Orsin auf die Lippen: „Sie wählen harte Worte, Majestät!“ „Direkte Worte!“ Das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand, und wer sie nicht kannte, hätte sich in diesem Moment vor ihr fürchten müssen, so kalt und ausdruckslos blickte sie zu dem Minister empor. Und wer ihn wiederum nicht kannte, hätte meinen können, dass seine Gesichtsfarbe sich noch mehr ins Oliv verdunkelt hätte. Da das Boudoir aber in warmen Dämmer lag und das neongrüne Hologramm die Szene beleuchtete, wäre es gefährlich, ein Urteil über die innere Verfassung Orsins abzugeben. Einzig die Tatsache, dass er bei der letzten Replik seiner Herrscherin etwas zu heftig schluckte, ließe auf sein Erstaunen oder sein Erschrecken schließen - aber eben nur diese Tatsache! „Nun gut, Majestät! Ich will ehrlich sein: es geht um mehr als nur um einen -pardon- entführten Hofnarren!“ „Was reden Sie immer von Entführung?“ Wieder versuchte die Königin, Zeit zu gewinnen. Der erste Schreck war im Schwinden; entführt hieß nicht - tot. Und wenn Orsin die Sache beim Namen nannte, musste er mehr wissen, als er zugab. „Es ist beobachtet worden“, sprach er mit gesenkter Stimme, „wie drei vermummte Gestalten Saphir vor dem Portal der Synagoge überwältigt und verschleppt haben. Kurze Zeit später erhielten wir die Nachricht, Saphir sei in Sicherheit und unverletzt; man würde sich zu späterem Zeitpunkt melden.“ „Vor der Synagoge…?“ flüsterte die Königin mehr als dass sie sprach. „Wussten Sie denn nicht, dass Saphir Jude war, äh, ist?“ Orsin blitzte seine Herrin neugierig an. Ohne ihm zu antworten, blickte diese ihm direkt in die Augen und fragte herausfordernd: „Und - was gedenken Sie zu unternehmen?“ „Nun, Madame“, antwortete Orsin, die kleine Beleidigung fortlächelnd, „ich würde abraten, ein offizielles Instrumentarium zu bemühen…“ „Sie meinen: keine Polizei…?“ fiel ihm die Königin ins Wort. „Ich meine: keine Polizei!“ fiel ihr wiederum Orsin ins Wort. „Ich verlasse mich bei meinen Nachforschungen und verdeckten Aktionen nur auf sichere Kräfte.“ „Oh“, gab die Königin ehrlich erstaunt zurück, „Sie misstrauen unserer Polizei?“ „Madame, spätestens morgen Abend werde ich Ihnen mitteilen können, wer Saphir entführt hat und aus welchen Grund!“ Er genoss lächelnd die kleine rhetorische Retourkutsche; sie diente nicht seiner Eitelkeit, sondern sollte der schönen Monarchin das Abhängigkeitsverhältnis ein für alle mal klar machen, und die schöne Monarchin verstand. „Es gibt noch einen simplen, aber wichtigen Grund meines unangekündigten Besuchs: ich benötige, ohne Ihnen en Detail die Zusammenhänge erklären zu können, ein beliebiges Schriftstück von Saphirs Hand, sei es eine kleine Notiz, ein Zettel, ein … Brief, möglichst mit seiner Unterschrift.“ Die Königin wandte sich ab, ließ das Hologramm mit einer fahrigen Bewegung verschwinden und starrte schweigend in den Spiegel. Als sie nach einer Weile hoch schaute, traf sie im Glas auf den bohrenden Blick Orsins. Kein Zucken verriet Unsicherheit, seine Augen blieben auf sie gerichtet. Dieser Mann wusste, was er wollte. Die schöne Herrscherin öffnete die Schublade ihres Schminktisches, holte ein klein gefaltetes Blatt Papier hervor, drehte das Haupt zur Seite und überreichte es dem olivenfarbenen Gast, ohne ihn nochmals anzuschauen. „Ich setze Ihre Diskretion voraus!“ flüsterte sie mit abgewandtem Gesicht. „Majestät, ich empfehle mich.“ gab Orsin mit stark gedämpfter und sehr diskreter Stimme zurück. Das kaum hörbare Klacken der Tür erinnerte die Königin daran, dass sie wieder allein war.
Fortsetzung folgt...